der innere kontinent

kapitalismus

Posted in Uncategorized by neuschwabenland on Mai 2, 2012

Seminar: “Kapitalismus: Eine andere Welt ist möglich!?” bei Dr. Andreas Gösele.
Referat: Tobias Muno
Thema: “Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus” von Max Weber.

Das zentrale Erkenntnisinteresse Webers um den modernen, rationalen Betriebskapitalismus ist die Frage, warum gerade im Okzident und nicht in Asien oder im Orient diese Art des Wirtschaftens entstanden ist. Um diese Frage zu beantworten geht Weber qualitativ vor und rekuriert seine Argumente auf geistige Strömungen die er als Vorrausetzung für das Handeln Einzelner versteht. Dadurch entsteht keine Kette kausaler Zusammenhänge, sondern vielmehr eine Verkettung von Thesen mit historischen Inhalt. Er geht nicht quantitativ vor: seine Basis ist zum großen Teil Textanalyse und nicht Statistik und Logik. Sein Kriterium ist insofern nicht Schlüssigkeit, sondern “inhaltliche Übereinstimmung”. Insofern referieren seine Argumente nicht auf Kausale, sondern auf sinnhafte Adäquanz. Daher kann er weder behaupten, dass der Kapitalismus aus dem Protestantischen Geist, noch der Protestantismus aus dem Kapitalismus erwachsen ist, sondern er muss qua seiner Methode bei einer Gegenüberstellung verbleiben und Gemeinsamkeiten entdecken. Darum ist der Text weder eine Historie, noch eine argumentative Zergliederung, sondern entsteht durch die Selektion von Quellen hin zu einem Gedankengang.
Dieser geht aus von der obigen Frage und schreitet vergleichend voran hin zu der These, dass die “Protestantische Berufsethik” die Bildung des modernen Kapitalismus begünstigte. Zudem stellt Weber eine Rationalisierung in allen Lebensbereichen des Okzidents fest. Das zentrale Spezifikum des Rationalisierungsprozesses ist ihm der okzidentale Kapitalismus. Denn er sei gerade nicht das materielle Streben nach unendlichem Gewinn, welches auch kein Spezifikum des Okzidents ist, sondern das durch Rationalisierung erforderte Streben nach Rentabilität, welches ein Streben nach Profit mit sich bringt: insofern ist Kapitalismus in seinem Betrieb identisch mit dem Streben nach Rentabilität und übersteigt darin die traditionelle Subsistenzwirtschaft. In seinem Geist jedoch ist es mit der Protestantischen Ethik verwandt. Dies ist aber nur hinreichender Grund neben anderen. So nennt er desweiteren noch die Trennung von Haushalt und Betrieb, die rationale Buchführung und die formell freie Arbeit.
Der Protestantische Ethos jedoch nimmt insofern eine besondere Stellung ein, weil er gerade dem Geist des Kapitalismus gleicht und ihm auch Weggefährte war und eben jene Fährte hinterlassen hat, die Weber verfolgen konnte. Dieser Ethos ist “Tätigkeit” als Selbstzweck.

Arbeitstitel: der erste deutsche auf dem mond.

Posted in Uncategorized by neuschwabenland on April 7, 2012

11 minus 1

In dem Staat, für den sie sterben, kennen sie keine Einsamkeit. Sie halten sich Tiere, die sie melken, die sie beschützen, von denen sie leben. Sie bauen Plantagen, Häuser aus Halmen. Sie sind berauscht von Parasitenpisse. Ameisen krabbeln auf seinen Füßen. Er steht in seinem Garten, vor seinem Haus, hinter seiner Frau. Sie kämpfen sich durch die Haare sein Bein hoch. Sie krabbeln hektisch umher, er schnippst sie weg. Er steht auf der Wiese und betrachtet seine verkrüppelten Füße, erinnert sich an die zu engen Schuhe, an Wunden an Hacken und Zehen. Im Sommer ist er barfuß, denn Sommer verspricht Heilung. Die verkrüppelten Füße erinnern ihn an seine Gartenkralle. Seine Gartenkralle erinnert ihn an seine Frau. Sie dreht sich um und sagt: “11 minus 1” und er antwortet: “PLT ready to go.”

11 minus 4.

“11 minus 2”, “11 minus 3”, “11 minus 4 Tage bis zum Blast off”. Sie sieht ihn traurig an, er sagt “Ich bin Pilot – ready to go”. Sie sieht ihn über das Frühstück hinweg traurig an, sie sagt “Ich liebe dich.”, aber er antwortet, es ist schon gut, er sagt, er würde das überleben.

Sie schaltet das Radio an.

Sie sieht ihn kauen, wie still er ist, aufsteht und Bach hört, sein Brot isst.

Sie fragt, “wo willst du hin?” und er steht auf “Was erledigen.”.

Er geht in den Garten, zum Schuppen, zieht Brille und Mundschutz an, er bettritt den Rasen und versprüht Insektizide, er tanzt in einem Nebel im Kreis. Sie sieht im zu.

leila (entwurf)

Posted in frühling by neuschwabenland on April 4, 2012

er wollte sagen: ich liebe dich, ja – ich liebe dich.

stattdessen sah er von seinen füßen zum himmel, dann, als habe das blau seine wirkung verfehlt, wanderten seine Augen verwirrt um her. sein kopf dröhnten, wie eine geschlagene glocke und das dunkelste leuchten war zu hell. ihm war als fiele er in die sonne, durch dunkelheit in feuer und licht.

alle worte, die zuvor in aufruhr ihn anstürmten und tobten, zerfielen und seine lippen beleckte er nervös. er wollte sich drehen, immerfort unter bäume im kreis; drehen bis die worte sich von ihm schleuderten.

er sagte lautlos: ich… und der wind war still, die blätter stumm und nichts war zu hören von niemanden.

eine rakete ist der mensch, ins nichts geschoßen, in den himmel gejagt, von der erde gertrieben. eine rakete voll unbekannter last.

ein nichts ist der mensch, wenn er liebt.

er erstickt an ihrem körper. an der lebendigkeit ihrer umarmungen. er ertrinkt in der fülle, zwischen dem hin und her der fingerkuppen.

wenn er neben ihr liegt, wenn er liebt, sieht er die erde kleiner, winzig werden.

dann liegt er neben ihr, sagt nichts und sieht aus dem fenster: der himmel wird kleiner, die bäume, häuser die worte verschwinden und der silberne körper zwischen den wolken wird den ganzen tag zu sehen sein.

Über der Stadt…

Posted in frühling by neuschwabenland on März 28, 2012

Über der Stadt schwebt Dunst und die Sonne lässt, die Höhe und Entfernung, die Ausdehnung und Dichte, der milchglasigen Glocke, erahnen.

Darunter erscheinen Wege länger, Passanten lassen sich müheloser überholen und es gibt ein Gefühl: gleich wird es passieren. Ich weiß nicht was – und von Tag zu Tag weiß ich es weniger.

Dann stolpere ich, bleibe stehen und wundere mich über, die Lücke zwischen den Schritten, den Gehirnen, den Mündern, den Händen, den Herzen: den Takt in allen Dingen.

Ich stehe auf einem schrecklichen Bürgersteig: jeder geht mit dem Andern, niemand weiß wohin. Mit Allen im Takt, höre ich meine Schritte nicht. Mit jedem in Takt, das ist Harmonie: Bürgerliche Zufriedenheit.

Aus dem Waschsalon

Posted in frühling by neuschwabenland on März 28, 2012

Haiku

Stilübung 2

Posted in Sommer by neuschwabenland on November 1, 2011

Munich: white noise wonderland.

1. Das Ende der Musik und der Tod des Frontmanns oder nehmt die Kopfhörer ab, haltet die Uhren an: Hipster und Nadine wird vorgestellt.

Er konnte sich nicht mehr an ein Leben ohne Musik erinnern. Seine gesamte Jugend über hatte er die Sony mdr-v-150 um den Hals und Nippon-Bassboost auf Level 3. Wenn er nicht das Gefühl hatte einen Song zu hören ging er nicht vor die Tür, wenn seine Akkus leer waren legte er sich mit dem Ladekabel vor die Anlage und nahm Tapes oder Minidisks auf, verwaltete Playlists oder stöberte in Fanzines bis er das grüne Leuchten des Ladegeräts bemerkte, seinen Rucksack packte und ging. Kürzlich konnte er sich durch eine Bafög Erhöhung die Koss Porta pro und den Sony MD Walkman MZ-RH1 zulegen, “High Definition Sound, rauschfreier gehts nich” hatte der Verkäufer, in seinen verbeulten Jeans genuschelt. Die Bügel erinnerten ihn an seine ersten Kopfhörer und das dunkle Gehäuse des MD-Players an seinen ersten Walkman: er wollte sie unbedingt haben. Immerwieder gingen ihm die Sony Kopfhörer kaputt und mit viel Mühe und Gaffertape konnte er sie wieder für zwei Wochen flicken. Er brauchte Hörer mit denen er die Welt dumpf drehen konnte, durch die eine U-Bahnfahrt der Beginn eines Films wurde und jede denkbare Einsamkeit voller Musik war; es war genau das was er wollte, eine rauschfreie Welt in der alles außerhalb der Umklammerung seiner Kopfhörer in eine dumpfe Masse gedrückt wurde. Er wollte einen Bass zwischen sich und dem Soziologismus “Zwangsgesellschaft“ schieben, dieser Menschenmasse die in Fußgängerzonen an ihm vorbei rauschte. So kam er zu Kos Porta Pro und der Vorstellung einer besseren, einer verkehrten Welt zwischen den blauen Schalen in denen dunkle Membranen vibrierten. Nachdem er seine Kopfhörer und den Player dem Mädchen gab hörte er zum ersten Mal seit Jahren wieder München. München war nicht Shuffel oder Playlist, weder gab es Bridge noch Refrain, ein melancholischer Noise, dachte er in der Ubahn: Gewaltlos und Zitternd. Später in Schwabing glaubte er, als er eine Straße entfernt Kinder spielen hörte, eine Melodie ohne Rythmus in den Straßen zu bemerken. Während die Schritte von Passanten sich mit den Gesprächsfetzen eines Cafes mischten, wurde diese Melodie klarer und er spazierte unter Bäumen in denen sich ein Wind verfangen hatte. Dann neigte er den Blick und sah seine Schritte ihn tragen.
In den Müncher Straßen ist eine unnachgiebige Gleichzeitigkeit, ein babylonisches Sprachengewirr und am Klang der Absätze unterschied er Alianz-Mann vom Gummiesohlen-Student und zum ersten Mal wurde ihm bewußt wie flüchtig Musik doch war, wie flüchtig er selbst mit ihr geworden ist. Es war blauer Himmel und der Fön rauschte in seinem Ohr während er sich nach Schwabing-West verlief. Er stieg in den Bus 154 und schlug von der Haltestelle Universität den Weg zum Englischen Garten ein. Er hörte dem Schlurfen seiner Schuhe zu und wie unrythmisch er ging ohne Takt im Ohr. Auf den Asphalt folgte Schotter, der knackte unter ihm, dann der braune Weg der dumpf an seinen Sohlen zu kleben schien. Als er sich auf eine Bank setzte, ging ihm alles noch einmal durch den Kopf, wie es mit der Musik angefangen hatte und wie es enden musste. Ihm war, als wäre er selbst und jeder Song den er gehört hatte mit dem Gefühl seiner ersten Kassette verflochten, als ob eine stete Empfindung ihn durchmaß, die im Begriff war zu verschwinden. Als habe er einen ewigen Regen ertragen gelernt, hatte er nun aufgegeben sich unterstellen zu wollen. Pärrchen gingen an ihm vorüber und verschwanden im blendenden Licht einer tiefstehenden Sonne. Er lehnte sich zurück und versuchte sich zu erinnern.
Sein erstes Tape fand er in einem Walkman auf den hinteren Sitzen im Schulbus 1994. Es war ein Sommertag – er war Vierzehn und interessierte sich für Katastrophen. Seit dem Hokaiddo Tsunami 1993 sammelte er alles über Unfälle und Unglücke. Wenn er zur Schule fuhr legte er den Ordner auf die Knie und laß immer wieder die ausgeschnittenen Zeitungsartikel durch. Er sah sich die Pressefotos an, laß die Namen der Verunglückten oder versuchte ein System in den roten Punkten zu erkennen, die er mit Edding auf eine Weltkarte getupft hatte. Nachdem er die Folgen des Tsunami in der Tagesschau gesehen hatte konnte er nicht aufhören sich daran zu erinnern. Eine Frau war über eine Trümmerebene gestolpert, in der Ferne erhob sich eine Feuerwand. Die schwarze Rauchsäule färbte sie rot und eine dunkle Masse schien aus dem schwarzen Plastik des Fernsehers in das Bild zu kriechen. Es sah aus, als wäre die Sonne auf die Erde gestürtzt, als würden ihre Strahlen durch den Aschenebel hindurch den Kamerafilm überlichten und er wußte nicht, ob er jemals etwas sah, dass ihn so berührt hatte. Jeder Junge war einmal Mitglied eines Clubs und jeder Junge sammelt etwas, manche Star Wars Figuren, andere Bücher, CDs, Filme, er dachte, in einer Welt voller Katastrophen zu leben und das es jemand geben sollte, der sie sammelt. Er hatte die Idee einer Art Quartet und übertrug das Notensystem seiner Schule in seine Unterlagen. 1 für Katastrophen die ihn außerordentlich mitnahmen und 6 für jene die es nur wert waren aufgenommen zu werden. An erster Stelle war Rostock-Lichtenhagen im August 1992. Er erinnerte sich an die Fernseherbilder – weinende Helfer und immer wieder ein Mantra: sie klatschten als die Häuser brannten. Da waren Nazis, der Beifall von Anwohnern, ratlose Polizisten und wieder ein Feuer in unbestimmbarer Ferne.
Nachdem er das Tape gefunden hatte hörte er zwei Jahre Songs ohne Namen und Interpreten. Seit dem saß er mit seinem Ordner jeden Morgen und Nachmittag im Schulbus, hörte sich die Kassette an und durchblätterte seine Sammlung.
Wenn sich die Gelegenheit bot, hielt er jemanden seine Hörer an den Kopf. Man rümpfte die Nase „Was n das fürn Schrott alda!“. Er war ein B-Boy geworden, seine Freunde hörten Music Instructor und Stevie B., trugen Wollmützen und Sneaker. Sie trafen sich in Giesing um in einem Hof auf PVC Resten zu übersteuerten Beats aus dem Aldi-Getthoblaster ihre Powermoves einzuüben. Während Streetworker und Sozialarbeiter von Jugendkultur sprachen und die Feuilleton den Untergang der Musik beschworen, gab es für sie nur Styles und Skills und er ging hin obwohl er nur Top-Rocking konnte. Man klopfte ihm auf die Schulter weil er zu Crew gehörte und lachte ihn aus wenn er nicht da war. Er sagte wenig bis nichts und freute sich für jede Minute zwischen den Kopfhörern mit seiner Kassette von der er nicht sagen konnte was sie abspielte und woher sie kam. Es gab einen Jam und er war dort um den anderen zu zusehen.
Er hatte dieses Mädchen bemerkt und weil er es nicht ertragen konnte, schlang er die Hörer um seinen Kopf, drehte auf und sah seinen Freunden beim Tanzen zu. Sie saß auf einem Skateboard und kaute auf ihrem Halsband. Sie gehörte zu einer anderen Crew, ihre Freunde hatten gerade ihren Auftritt und manchmal lachte sie und winkte jemandem zu. Sie stand auf und sprang zwischen den Sitzenden hindurch, dann solperte sie über seinen Rucksack, es knackte erbärmlich und seine Walkman leierte, kratzte und verstummte.
- Oh Gott, sie sah erschrocken, die Hand vor dem Mund, zu ihm hinunter: es tut mir leid. Er stotterte, dass es OK, dass alles in Ordnung sei. Aber sie entschuldigte sich tausendmal, kniete sich zu seinem Rucksack, griff hinein und zog den zertrettenen Walkman hervor.
- Ach scheiße, stöhnte sie, man! verdammt! mir passiert sowas immer!
Sie sahen sich für ein paar Sekunden an, sie dachte nach, kniff die Lippen zur Seite, legte ihren Zeigefinger darauf und sagte ohne ihn vom Mund zu nehmen
- Mhhh, ich hab son Ding noch zu Hause …
Er machte ihn auf, als er seine Kassette herraus zog kam der Bandsalat hervor und sie sah ihn mitleidend an.
- Ach Scheiße, bei mir ist immer gleich alles Katastrophe. Sie stampfte auf, besan sich aber: Hey, Ich wohn hier um die Ecke, weißt du was, komm einfach mit, ich flick dir das mit Tesafilm und so.
Er nickte verhalten und sie nahm seinen Eastpack und lief zu ihrem Freund. Er war groß, drahtig und in der obligatorischen Trainingshose mit Sneaker. Er sah seinen Augen zu wie sie versuchten ihre wilden Gestikulationen zu folgen. Sie zuckte mit den Schulter und er küsste sie auf den Mund, doch er dachte nicht einmal daran Hoffnungen zu haben und sie lächelte als ihre Zungen einander berührten. Er gab ihr einen Klaps auf den Hintern und sie sah verächtlich zurück, zeigte ihm einen Vogel: sie lachten einander an.
- Komm mit, forderte sie ihn auf, is entsnah, grad davorn.
Während er ihr folgte, drehte er mit einem Kullie das Band wieder zurück.
- Das kriegen wir schon wieder hin, stupste sie ihm in die Seite, ansonsten kannst du dir ja ein neues kopieren.
- Ich hab nur das eine. Hab die Kasetten gefunden und kenn die Lieder nich.
Antwortete er und drehte verbissen den Stift.
- Fuck. Ach, hab das tausend mal gemacht – die Dinger sind unzerstörbar: kein scheiß mann.
Sie wohnte mit ihren Geschwistern bei ihren Eltern und war in der Elften Klasse des Luisen Gymnasiums, „Irgendwann sitzen geblieben, nie viel gemacht“. Sie lebte in einem geräumigen Zimmer im vierten Stockwerk eines cremfarbenen Hauses. Es hatte einen kleinen Trödel Laden im Parterre und ungewöhnlich hohe Fenster, die Wohnung war hell und frisch bezogen. Ihre Eltern waren länger im Urlaub, trotzdem war es aufgeräumt und der Kühlschrank voll. Ihr Zimmer sah auf den ersten Blick geordnet aus, auf den zweiten fielen unzählbare Kleinigkeiten ins Auge, Schlüsselbänder, Rubik-Würfel, Taschentricks; Regale voller Krimskrams und Papierbasteleien. Sie besaß eine Musik Anlage -„der Röhrenverstärker ist von meinem Paps und die Boxen hab ich mir zusamm geschnorrt“-, CDs türmten sich eine Wand entlang, eine Weltkarte hing über dem Kasettendeck. Er hatte gerade das Band zurück gedreht, da war schon Tesaband und Schere in ihrer Hand.
- Wenn ich Dir das nicht repariert bekomme, schwör ich Dir, wir finden die Songs. Mein Paps kennt sich entskrass aus, wenn ders nicht weiß gibts das nicht.
Im Schneidersitz began sie konzentriert die braune verknotete Folie zu zerschneiden, dann klebte sie mit Tesaband die beiden Enden zusammen.
- Ich hab die Kasette mal gefunden und hör se seit dem, es macht mich ents froh irgendwie, weiß nich, voll cool halt. Aba ich weiß einfach nich was für Songs das sind und keina weiß, was das ist.
Sie hielt die Klebestelle in einen Sonnenstrahl, drückte ein Auge zu und fokusierte die Naht.
- Mal sehn, vielleicht kenn ichs ja – soll ich sie mal rein tun?
Er nickte lächelnd.
Sie beugte sich vor, drückte die Kasette ins Tapedeck und Play. Sie lehnte sich zurück. Auf ihren Elenbogen gestützt sah sie argwönisch auf den Techniks Kassetenspieler.
- Das Ding ist der letzte scheiß, hat mir schon ne ganze Stange Tapes gefressen.
Es knackte und rauschte, er summte zur aufsteigenden Melodie. Dann sang er leise mit
- Liebesträume von Dir sind schön, wenn sie mir in Erfüllung gehn. Zärtlich wird die Hand sein die dich streichelt, wird der Blick sein der dir schmeichelt und der Kuss der dich verwöhnt.
Sie schwankte zwischen einem Lachanfall und ernster Faszination. Es blöckten Kühe aus den Boxen während er weiter sang: „Damdamdamm! Ich liebe diese Stelle: Wünsche die im Geheimen glühen, einmal holt die Wahrheit sie ein, dann werden die Träume mein Leben sein.“.
- Du, kicherte sie verlegen, das ist ja Peter Alexander, Sie zog die Augenbrauen zusammen, Ich meine, ok – meine Mutter hört das auch maaaal, aber, naja, bist du nicht vielleicht einbisschen zu jung dafür?
Er wollte die Stoptaste drücken.
- Schon ok, lass mal laufen. Ich hab noch nicht gesagt, dass es mir nicht passt.
Er lehnte sich wieder zurück.
- ok …, ich hab keine Ahnung was das is, meine Alten hören immer nur Swjatoslaw Richter, weil die sich bei nem Konzert von dem kennengelernt habn, Radio hörn wir auch nie und Fernsehen ist einfach nicht mein Ding , oh – das Lied ist super.
Sie griff wieder in seinen Eastpack und nahm seinen Ordner herraus ohne ihn zu öffnen.
- Wieso hast du denn den dabei? Is doch Sonntag.
Er nickte mit dem Kopf zur Musik.
- Ach, son Hobby. Un der Song, was ist das?
Sie schlug den Aktenordner auf und fing an zu blättern.
- mhhh, das ist … ähm, Connie Francis: Schöner netter Mann oder so.
Er rückte zu ihr. Sie hatte die bundbefleckte Landkarte aufgeschlagen.
- In welches Land willst du ma hin?
Sie schloß die Augen und wanderte mit dem Finger über die Karte.
- Japan! Das stell ich mir super vor.
Er rümpfte die Nase und nahm seinen Ordner.
- Puh, wenn Du Erdbeben, Vulkanausbrüche, Taifune und Tsunamis magst. Mhh …, er murmelte 90 bis 130, also irgendwo hier mhhh … da!
Er gab ihr die aufgeschlagene Seite. Es waren karierte Blätter, sorgfältig beschrieben, so dass jeder Buchstabe einen Kasten ausfüllte.
- Du bist ja ordentlich, bemerkte sie anerkennend und er machte ein ratloses Gesicht. Ihre Fingerspitzen erahnten während sie die Überschrift las, den Druck des Kullies.
- Das Große Erdbeben, sie machte eine irritierte Pause und laß flüßternd weiter. Das größte Erdbeben der japanischen Geschichten war das Kanto-Erdbeben 1923. Hunderfünzigtausend Todesopfer. Drei Tage brannten die Städte Yokohama und Tokyo. Die Welle des Tsunamis war 12 meter hoch. Note 2.
- Japan ist berühmt für seine Naturkatastrophen, kommentierte er.
Sie blätterte weiter, 1990 25.1 Boeing 747 John f. Kennedy, 74 Tote. Note 4. 1991 10.4 Moby Dick Schiffs-Kollision 132 Tote. Note 3. 1991 Bangladesch Wirbelsturm 150.000. Note 2, sie zog ihr Gesicht skeptisch zusammen, und sonst hast du da nichts weiter drinn als Katastrophen?
Er nickte lächelnd. Sie vertiefte sich wieder in seinen Ordner und er began sich im Zimmer umzusehen. Er ging zum Fenster und sah auf der Straße Passanten vorüber gehen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass es einen Ort geben könnte wo Menschen schöner spazierten; vereinzelt in einer wirren Geometrie aneinander vorbei, weil die kürzeste Linie zwischen Menschen keine gerade ist. Ihm fiel eine Zeichnung auf die lose mit Tesaband an die Wand geklebt war.
- Ist das von Dir?
Sie nickte.
- Das ist schön.
Ohne aufzusehen sagte sie
- Ach schön. Es is scheiß.
- Warum?
Erwiederte er überrascht.
- Weils nur schön ist.
- Trotzdem hast dus aufgehangen.
Sie sah zu ihm auf.
- Wechseln wir das Thema.
Sagte sie mit erwachsenen Verbitterung.
Er nickte und sah reuig vor sich hin.
Als er an ihrem CD-Regal ankam fragte er,
- Warum kennst Du dich eigentlich so krass mit Musik aus?
Sie sah sich eine Namensliste von Verunglückten an und anwortete nebenher
- Hab doch gesagt, mein Paps is n Musik-Nerd, er gibt mir immer CDs – er meint jede Musik ist es wert gehört zu werden. Hatte da mal so ne Phase mit Schlager.
Er zog willkürlich eine CD aus einem der Türme.
- Daydream Nation?
Sie sah wieder auf.
- ja, is ganz geil, schiebs doch mal rein. Sag mal, wie lange machst du das schon?
Er ging zu Anlage, drückte etwas hilflos herum, bis er die richtige Kombination Regler, Knöpfe und Schalter rausfand und die CD einlegte.
- Weiß nich, seit nem Jahr vielleicht
- Warum?
- Puh … das hat mich noch keina gefragt.
Er stand ahnungslos, mit dem Zeigefinger auf dem eject Knopf. Es glimmte grün und die CD lag im Einschub.
- ich wachse so behütet auf – ich mein, dass tun wir ja alle. Irgendetwas fehlt mir und ich weiß nich was. Aba wenn ich weiß, dass wo anders Menschen sterben, dann gibt das alles hier irgendwie Sinn. Ich finde alles so schrecklich, aber alles is ok. Die Fasaden sind stimmig, die Straße gekehrt, immer gibts was zu essen und ich weiß nich genau, ich fühl mich trotzdem irgendwie – weiß nich, allein oder so.
- Allein oder so?
- Du, keine Ahnung – vielleicht weiß ichs auch einfach nich, ich merk nur, etwas ist faul … und manchmal ist mir, als wären Katastrophen das einzige was mich berührt.
- Mein Paps sagt des auch immer: Etwas ist faul im Staate Dänemark.
- Was meint der damit?
- Keine ahnung. Früher bin ich manchmal Nachts wach geworden, und hatte schrecklich Angst, konnte mich aber nich mehr an meinen Traum erinnern. Wenn ich dann zu meinen Eltern ins Bett wollte, sagte er immer: Etwas ist faul im Staate Dänemark. Und ich durfte mit unter die Decke.
- Vielleicht ist das so, bemerkte er, dass wir uns an unsere schlimmsten Träume nicht erinnern können.
Der CD Player schloß sich automatisch: “Daydream Nation/Teenage Riot“, getunte Gitarren und die getriebene Stimme von Kim Gordon drang durch die Boxen -we will fall- er setzte sich neben sie. Sie blätterte weiter im Ordner und zusammen waren sie ganz versunken ein Album lang. Manchmal kommentierte er ein Bild und sie stellten sich die Menschen vor die gestorben waren, wie das wäre, ein Überlebender zu sein und er sagte, dass sie genau das waren. Als es klingelte waren sie peinlich berührt, als habe sie jemand erwischt, standen sie überstürtzt auf. Er packte seine Kassette ein, sie gab ihm einen Walkman und nachdem sie alles rasch zusammen gepackt hatten fragte er, ob er sich die CD ausleihen und sie, ob sie den Ordner behalten dürfe. Sie tauschten Nummern aus und einige Jahre lang trafen sie sich immer wieder und jedesmal nahm er eine CD nach Hause mit und brachte neue Katastrophen mit.
Die Sonne war schon beinahe Untergegangen und die Menschen gingen gemächlich aus dem englischen Garten nach Hause. Kinder folgten der Hand ihrer Väter vom langen Tag erschöpft in Wohnungen, Autos und Ubahnen. Er saß noch lange auf der Bank und dachte nach. Ihm gingen die unzählbaren Alben durch den Kopf die er seit dem gehört hatte und wie sie Zeitungsschnippsel gesammelt, verklebt und kommentiert hatten. Wie sie sich vor ein paar Stunden womöglich das letzte Mal sahen und sie die Jahre zuvor nur zusammen gesessen hatten, wie er DJ geworden war und wie Musik so bestimmend werden konnte. Dann sah er es Nacht werde und ihm wurde bewußt, dass er die ganze Zeit so in Gedanken war, dass er ganz vergessen hatte, dass diese unrythmische Melodie der er letzlich gefolgt war nicht verschwunden ist und alle Songs die er gehört hatte, aus einer Inspiration stammten und nur vermittelte Wirklichkeit waren und all die Empfindungen die er gespürt hatte nicht dem Song, nicht einmal dem Mädchen galten, sondern etwas Anderem. Dort war das leise Rauschen einer Autobahn, aus der Dunkelheit war manchmal Kichern, dort ein Wort zu hören, ein Flugzeug kreutze rot blinkend den Himmel und hinterlies sachtes dröhnen, sein Herz spürte er schlagen und der Eisbach blätcherte unter aufgeschreckten Vögeln vor sich hin. All diese Songs, dachte er, am Ende eines langen Tages, dachte er, und ließe man alle Lieder auf einmal spielen, nichts anderes wäre zu hören als Jetzt. Jetzt dachte er, ist alles da und all sein Zögern ihr gegenüber erklärte sich der Welt, als ein Zögern vor der Welt.

Die schwarze Hand

Posted in winter by neuschwabenland on Oktober 30, 2011

einversuch_neu

Stilübung

Posted in herbst by neuschwabenland on Oktober 30, 2011

Lieber Herr geehrter Dr. Felsner,
Sie meinten, es wäre eine gute Idee ein Tagebuch zu führen oder so – also ich find das blöd, es macht null sinn etwas aufzuschreiben und irgendwo hin zu tun wo’s niemand liest. Sie sagen, wir müssten uns über unsere Gefühle klar werden und da dachte ich, scheiße, sie haben recht, dann dachte ich, ich schreib ihnen das und dazu mein Gefühl – also, damit sie wissen was ich meine.
Vor ungefähr einem Jahr, kurz bevor sie mich hier her gebracht haben, sie wissen, ich war so verrückt verliebt, da ging ich ins Museum. Davor haben die Dinger mich nie gelockt, aber an diesem Tag bin ich ganz irre rumgelaufen und wußte nicht wohin und bevor ich mich vor die U-Bahn werfe, ich meine: Sonntags kostet das ja nur 1 euro.
Ich hasse Museen, sie haben keine Fenster, alles dort ist künstlich, wie in einem Einkaufszentrum und ich hasse Einkaufszentren. Nirgendwo halte ich es ohne Sonnenlicht aus. Scheiße nochmal, wenn ich in Lapland leben müsste, ich würd im Winter verrecken – also nichts gegen das Land und so, es sieht toll aus; ich hatte mal so nen Reiseführer und die Bilder hatten Stimmung, sie waren irgendwie Einsam und kühl, aber zur Hölle, diese neuen Museen erinnern mich an Lapland, wo die Leute nicht aufhören zu frieren, wo das halbe Jahr keine Sonne scheint und man unter Nordlichtern im Schnee versinkt. In Museen ist das nicht anders man bleibt stehen und starrt ein Bild an. Ich hasse das, wenn Leute so starren und sich im Gesicht rumfingern. Auf jedenfall ging ich ganz nach oben, weil dort die Sonne durch eine Glasfront in so eine Lounge scheint. Weil aber alle Stühle der Lounge besetzt waren, setzte ich mich davor in einen Austellungsraum. Es hingen dort Bilder, riesige Bilder mit krakeligen – scheiße, keine Ahnung, es waren sowas wie Spiralen, dachte ich zuerst. Ich sah auf eine ziemlich große Leinwand und vier dieser Kringel waren nebeneinander. Verstehen sie, es fing irgendwie harmlos an: ein gelber Fleck in einer roten Scheibe, dann im zweiten wurde das Gelb krakeliger, ging auseinander, im dritten war es ein wirres Gelb mit einem Orangenen Flecken und das Vierte war ein Chaos, wissen sie, das Gelb hatte überhand genommen, es überdeckte das Rot, als wolle es das Rot aus dem Bild schupsen, aber es fraß sich dabei selbst auf, es wurde durchsichtig, richtig blass. Hab ne ganze Weile rumgerätselt, bis ich bemerkt hab, dass was drauf stand: Rose und irgendwas auf englisch.
Den ganzen Tag ging es mir kotzschlecht, so richtig mies, ich musste manchmal stehen bleiben und mir den Bauch halten. So verdammt scheiße ging es mir, dass ich sogar meinen älteren Bruder Jo angerufen habe und der meinte nur: wird schon wieder. Das sagen alle: wird schon wieder. Jeder denkt, mit einbisschen Zeit würde alles vorbei gehen. Aber keine Chance, nichts geht vorbei. Auf jedenfall, als ich gechekt hab, dass das Rosen sind, hat das ganze für mich Sinn gemacht. Ich meine, wissen sie, es war auf einmal klar, warum die gekringelt waren und warum die Spiralen so irre sich verschlangen. Das machte mich verdammt glücklich für nen Moment, dass einem Rosen so was sein können.
Dann kam eine Frau rein, sie war ziemlich alt, aber zum einen tat sie alles dafür, dass es niemand sehen konnte, zum anderen muss sie einmal verdammt gut ausgesehen haben: sie trug krass teures Zeug, ich kenn mich damit nicht aus, aber man sieht sowas ja. Sie war klein und was ich an kleinen Frauen nicht ausstehen kann ist, dass sie zu große Schuhe haben, also ich mein hoch, sie quälen sich in diese Höhe und ich muss mir immer vorstellen, wie sie nachhause kommen und ihre Schuhe ausziehen und traurig schauen, wie jemand der sich eine Prothese abschnallt und dann fühl ich mich scheiße, weil ich doch so groß bin. Sie war Oma oder so und hatte drei Kinder dabei, ein Mädchen vielleicht 11 und zwei Jungs, Zwillinge – vielleicht 14. Das Mädchen war extrem gut erzogen, aber die beiden Jungs waren rotzig. Das Mädchen stand mit der Oma vor den Rosen und ich konnte sie sagen hören, dass sie ohne lesen zu müssen erkannt hat, dass das Rosen waren, weil Rot nämlich die Farbe der Liebe sei und Gelb die der eifersüchtigen Einsamkeit, dass weiß sie, weil ihre Lehrerinn in der Waldorfschule Goethe liest. Meine Kleine, sagte die Oma und kniff ihr vertrauenseelig in die Wange: Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose. Das hat mich aus den Socken gehauen, ich mein das Mädchen, die Oma ging mir auf den Sack, aber ich fands toll wie sie der Kleinen in die Wange kniff. Aber die beiden Jungs, die konnten nicht aufhören zu kichern, der eine machte sie nach und der andere musste sich fast auf den Boden werfen vor lachen. Dann spielten sie ein Spiel das ich verrückt gern mag, aber keinen Namen hat. Es geht darum unauffällig nebeneinander her zu gehen. Das ist gar nicht so leicht, weil man an der Art wie jemand geht, sehen kann, an was er denkt. Auf jedenfall muss man, wenn der Andere es am wenigsten erwartet, ein Bein stellen, aber nicht gefährlich – versteht sich. Die beiden gingen also im Kreis nebeneinander her, immer um die Bank auf der ich saß und irgendwann übertrieben sie es und der Eine knallte gegen die Rosen. Der Alarm ging an, aber es war alles ok. Sie bekamen nur höllisch ärger. Man, sie hat das Spiel so gern gespielt, wissen sie, manchmal schuppsten wir uns, warfen wir uns von Hecke zu Hecke, bis wir nicht mehr konnten und unsere Arme bluteten wie hölle, aber es war mir so scheiss egal, solange wir nur hinter einander herjagen konnten. Diese Hecken hatten Dornen und die Dornen waren Zähne und mich fraß ihr Spiel auf.

unbetitelt

Posted in Sommer by neuschwabenland on August 18, 2011
und da, dort
sieh den himmel
sieh hinauf: ein blau
von wolken durchstochen
von flugzeugen zerschnitten
blaß, dann dunkelnd himmelblau
darunter ich und du im gras
ohne Zuhause, gehen fort 
und gehen und gehen
gehen ohne worte
einfach fort

 

ein video

Posted in herbst by neuschwabenland on Dezember 25, 2010
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